Scroller

Auf dem Leben gleiten

RTW 2012 Diary / Posted by Ernst Bromeis / Sunday, 21. January 2018

Als Homage an den grossen Schnee habe ich vor einem Jahr dieses Essay geschrieben. Im Winter ist mein Langlauftraining das beste Ergänzungstraining zum Schwimmen. Nein, es ist mehr als Ergänzungstraining, es ist meine grosse Leidenschaft in der kalten Jahreszeit, auf dem "weissen Wunder" zu gleiten.

Auf dem Leben gleiten (essay)

Es ist jeweils ein Wunder. Die Tage werden kürzer. Es schneit. Dann beginnt die Metamorphose. Die Alpen werden zum Meer. Die landschaftlichen Kanten und Ecken, alle Absätze und Winkel verschwinden unter dem weissen Wasser von oben. Der Schnee ist wie eine weisse Flut, die alles überdeckt. Alles Harte wird weich.

Die Langläuferinnen und Langläufer sind die Schwimmerinnen und Schwimmer der Alpen. Sie gleiten über Kuppen und Wellen und schweben über die endlosen Weiten in einer weiss versunkenen Landschaft. Die Langläufer sind die Wassersportler der kalten Jahreszeit. Sie gleiten über Kunst- und Naturschnee. Sie gleiten über Schnee, über Wasser, über Leben.

Als ich die 200 Bergseen in Graubünden durchschwamm, hatte ich jeden Tag einen Hungerast. Die Kalorienaufnahme für die jeweils bis zu 14 Stunden langen Tagesetappen konnte ich nie aus dem Rucksack abdecken. Was ich nie hatte, war ein „Durstast“. Ich konnte beim Traversieren der Seen jeweils meinen Durst löschen. So privilegiert, so glücklich, so mit Wasser ge-see-gnet sind wir. Wir schwimmen und langlaufen buchstäblich im und auf dem Trinkwasser. Derweil andere Menschen von unserem Glück nur träumen können.

Wenn ich mich im Winter mit Langlaufen auf meine Expeditionen vorbereite, schaue ich im Sertig- oder Dischmatal, aber auch der Landwasser entlang gleitend, dem kalten Wasser nach. Ich bewundere die Eislandschaften und das Leben, das der kalten Jahreszeit mit Überlebenskunst trotzt.

Unser Gleiten ist endlich. Nach der Flut muss die Ebbe folgen. Jahr für Jahr wiederholt sich das alpine Schauspiel. Im Frühling, wenn die Tage länger werden, geniessen wir Langläufer in der Höhe das Gleiten auf dem Firnschnee. Im Laufe der wärmeren Tage wird die Landschaft wieder kantiger, faltiger und die Klippen kommen wieder zum Vorschein. Der grosse Schnee muss wieder abfliessen, ins ewige Meer. Damit es im nächsten Winter die nächste Flut schneien kann.

Erschienen in: Nordic Online Magazin Dezember 2016 www.nordic-online.ch

Foto: ©Ernst Bromeis/Das blaue Wunder

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