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Warum haben Zahlen keine Seele?

RTW 2012 Diary / Posted by Ernst Bromeis / Monday, 21. January 2019

 

800 Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser.

 

2,5 Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu sanitären Anlagen.

 

10 Tonnen Mikroplastik fliessen jährlich im Rhein Richtung Nordsee.

 

Abermillionen Menschen müssen als Klimaflüchtlinge ihre Heimat verlassen.

 

Alle 10 Sekunden stirbt ein Mensch wegen mangelnder Wasserqualität.

 

Und die Liste der Statistiken mit derlei Zahlen ist schier endlos.

 

 

 

Im Frühling 2015 besuchte ich mit meiner Familie die Weltausstellung in Milano. Die ganze Familie war begeistert von den vielen Pavillons. Und ich war im Besonderen begeistert von all den präsentierten Lösungsansätzen, wie die Welt in Zukunft ganz ohne derlei Probleme sein könnte. Die Expo 2015 präsentierte Lösungen für 10 Milliarden Menschen. Sie wusste, wie auf der Welt ALLE künftig in Frieden, gebildet und vor allem mit genügend Wasser und Nahrung auskommen und leben würden.

 

 

 

Als ich die Expo mit meiner Familie verliess, wurde ich schneller als mir lieb sein konnte wieder mit der Realität konfrontiert. Die Expo und die präsentierten Lösungen für 10 Milliarden Menschen war nur noch ein Wahn, ein Albtraum – und ein Affront gegenüber all jenen Menschen, welche diese Lösungen brauchen. Subito. Weil sie täglich ums Überleben kämpfen. Welch ein Affront der ganzen Welt zu zeigen, wie wir 10 Milliarden Menschen ernähren könnten, obwohl wir es bis heute nicht annähernd schaffen allen Menschen wenigstens den Durst zu löschen.

 

 

 

Ich bin überzeugt, dass wir bereits heute nicht nur die Lösungen kennen, wie die ganze Welt ernährt werden könnte, sondern auch die Mittel. Selbst die finanziellen. Wir haben also das Wissen UND die Mittel. Und doch gelingt es uns nicht, es zum Wohle aller zu nutzen und umzusetzen.

 

Warum?

 

 

 

Wir scrollen und klicken uns schier endlos durchs Internet und werden von derlei Zahlen und Hiobsbotschaften geradezu überflutet. Wir lesen Zeitung und blättern von Seite zu Seite, von Zahlen zu Zahlen, von Klimakatastrophe zur Ernährungskatastrophe zu Flüchtlingskatastrophe und zurück. Dann legen wir die Zeitung zum Altpapier. Doch trotz all der Zahlen und Schlagzeilen bleiben wir innerlich oft unberührt.

 

Warum?

 

 

 

Antoine de Saint-Exupéry beschreibt im »Kleinen Prinz« das innige Verhältnis der Erwachsenen zu den Zahlen. Der kleine Prinz sagt: „Die grossen Leute haben eine Vorliebe für Zahlen. Wenn ihr ihnen von einem neuen Freund erzählt, befragen sie euch nie über das Wesentliche. Sie fragen euch nie, wie ist der Klang seiner Stimme, welche Spiele liebt er am meisten, sammelt er Schmetterlinge...? Sie fragen euch, wie alt er ist, wieviel Brüder er hat, wieviel er wiegt, wieviel sein Vater verdient. Dann erst glauben sie ihn zu kennen. Wenn ihr zu den grossen Leuten sagt: Ich habe ein sehr schönes Haus mit roten Ziegeln gesehen, mit Geranien vor dem Fenster und Tauben auf dem Dach..., dann sind sie nicht imstande, sich dieses Haus vorzustellen. Man muss ihnen sagen: Ich habe ein Haus gesehen, das hunderttausend Franken wert ist, denn dann schreien sie gleich auf: Ach, wie schön!“

 

„Wir alle kennen die Zahlen der Dürstenden, der Umweltverschmutzung, der Klimaflüchtlinge, des Artensterbens. Wir alle werden täglich mit noch mehr Studien und wissenschaftlichen Arbeiten zu Klimaveränderungen eingedeckt. Doch nichts geschieht.“ (Jeder Tropfen zählt, Seite 168)

 

Warum?

 

Die Zahlen haben keine Seele. Sie faszinieren uns kurz, doch nichts bleibt. Denn am nächsten Tag werden die Zahlen von neuen, aktuelleren Zahlen in den Schatten gestellt. Und zwischendurch erreichen uns aktuelle Zahlen von den Hungerkatastrophen in Südsudan, Somalia, Jemen und Nordnigeria. Die Zahl ist unvorstellbar hoch. Doch wir nehmen diese Zahl von hunderttausenden vom Hungertod Bedrohten wahr wie Zahlen und Rekorde aus den Sportnachrichten.

 

 

 

Denn die Zahlen erzählen uns keine Schicksale. Die Zahlen sind abstrakte Mathematik. „Es muss uns gelingen, den Zahlen eine Seele zu geben, ein Gesicht, eine persönliche Geschichte. Ein persönliches Schicksal, das uns mitten ins Herz trifft und bleibt – mit Leidenschaft, mit Nächstenliebe mit Empathie.“  (Jeder Tropfen zählt, Seite 169)

 

 

 

Die aktuellen Katastrophen Afrikas sind heute lösbar. Die Welt hat die Mittel um zu helfen. Wasser und Leben zu schenken. Hier sollten wir nicht länger nur über Zahlen reden, sondern endlich einfach handeln. Als Menschen müssen wir empathisch handeln. Sonst sind wir keine.

 

 

 

Ich lebe mit meiner Familie in Davos an den Quellen Europas. Auch unser Bildungssystem vermittelt viele Zahlen und Statistiken. Doch wir brauchen eine Bildung, welche die Seele berührt, welche es uns aber auch ermöglicht andere Menschen und ihre Schicksale besser zu verstehen. Nur mit Bildung schaffen wir es, den Zahlen eine Seele zu geben. Denn die Menschen dieser Welt sind Menschen wie Du und ich. Mit gleichen Wünschen, Träumen und Bedürfnissen. Sie sind alles – nur nicht Zahlen!



 

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